Im deutschsprachigen Raum gibt es für Platzhaltertext einen eigenen Fachbegriff, „Blindtext", und daneben eine ganz andere Tradition aus der Schriftgestaltung: das Wort „Hamburgefonstiv" — ein Kunstwort, das Typografen verwenden, um an einem einzigen Wort möglichst viele unterschiedliche Buchstabenformen einer Schriftart zu prüfen. Lorem Ipsum und Hamburgefonstiv lösen also zwei verschiedene Probleme: Layout-Fluss versus Schriftform.
Woher der Text stammt
Die Standard-Lorem-Ipsum-Passage ist ein verzerrtes Fragment aus einer lateinischen Abhandlung von Cicero, „Über die Grenzen von Gut und Böse" (45 v. Chr.). Die Wörter sind umgestellt, gekürzt und teilweise so verändert, dass der Text seinen zusammenhängenden Sinn verloren hat, während die für das Lateinische natürliche Verteilung von Wortlängen und Buchstabenhäufigkeit erhalten bleibt.
Warum man absichtlich bedeutungslosen Text verwendet
Der Hauptgrund ist, Ablenkung durch den Inhalt zu vermeiden. Setzt man Text in der tatsächlichen Sprache des Lesers in einen Entwurf, verlagert sich die Aufmerksamkeit unwillkürlich auf das Lesen und Bewerten des Sinns statt auf die visuelle Komposition: Schriftgröße, Zeilenabstand, Zeilenlänge. Pseudolatein liest sich wie ein „generischer Textblock", ohne vom Design abzulenken.
Die Grenzen dieses Ansatzes
Lorem Ipsum eignet sich gut, um rein visuelle Komposition zu beurteilen, aber schlecht, um zu testen, wie sich ein Layout mit echtem Inhalt verhält: sehr lange Überschriften, kurze Button-Texte oder Text in einer anderen Sprache mit anderer durchschnittlicher Wortlänge.
Wozu man das braucht
- Einen Entwurf oder Prototyp mit Text füllen, um ihn einem Kunden zu zeigen, bevor echter Inhalt geschrieben ist.
- Ein Layout mit unterschiedlichen Textlängen testen, ohne auf das Copywriting zu warten.
- Schnell Platzhaltertext einer bestimmten Länge für Testdaten generieren.
Warum klassisches Latein manchmal besser vermieden wird
Kunden und nicht-technische Teammitglieder halten Lorem Ipsum manchmal für „unfertigen" oder versehentlich eingefügten Text, weil sie ihn nicht als absichtlichen Platzhalter erkennen. In solchen Fällen verwenden Designer manchmal „echte" Platzhaltertexte in der jeweiligen Sprache (etwa Auszüge aus öffentlichen Texten) — sie sind weniger neutral hinsichtlich der Wortlänge, dafür sofort als vorübergehender Inhalt erkennbar.